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Digitale Zukunft gestalten: Wege zur Souveränität verlangt Einsatz

Claudia Müller-Birn, Karolin Kappler, Mareike Lisker, Oliver Vettermann

Im Rahmen der GI Jahrestagung 2024 widmete sich der Workshop „Digitale Souveränität im Spannungsfeld von Informatik & Gesellschaft - Quo vadis?“ der Frage, wie digitale Souveränität für Bürger:innen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen erreicht werden kann. Veranstaltet vom GI-Fachbereich „Informatik und Gesellschaft“ zielte der Workshop darauf ab, gesellschaftliche Aspekte der digitalen Souveränität zu beleuchten und eine Plattform für den interdisziplinären Austausch zu bieten. Ausgehend von den zwei zentralen Fragen: Für wen soll digitale Souveränität hergestellt werden und wie wird diese Souveränität erreicht?, wurden die unterschiedlichen Beiträge des Workshops diskutiert.

Teilnehmende am Workshop

Bild 1: Teilnehmende am GI2024 Workshop „Digitale Souveränität im Spannungsfeld von Informatik & Gesellschaft - Quo vadis?“.

Eingeläutet wurde der Tag durch ein Grußwort der Sprecherin des Fachbereichs "Informatik und Gesellschaft", Christine Hennig. Der erste Vortrag des Tages war von Mareike Lisker und Oliver Vettermann zur Dekonstruktion der Konzepte „digitale Souveränität“ und „digitale Mündigkeit“. Sie diskutierten den Begriff der Souveränität als politische Rhetorik, sowie die Frage, wer überhaupt souverän werden kann. Außerdem stellten sie infrage, ob digitale Mündigkeit durch individuelle Datenflusskontrolle angesichts von Tracking-Technologien überhaupt möglich ist. Ihre These lautete, dass Mündigkeit und Souveränität Konzepte sind, die im datengetriebenen Kapitalismus die Illusion einer Kontrolle erzeugen. Dieser kontrovers-anregende Beitrag führte unmittelbar zu einer ausgiebigen Diskussion bezüglich der Möglichkeiten und Grenzen der Gestaltung von Souveränität aus Sicht der Informatik.

Danach führte Ekaterina Seppelfricke das Konzept der digitalen Identität basierend auf dem EUDI-Wallet ein. Dieser Anwendungsfall zeigte bereits auf, wie unterschiedliche Interessengruppen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung, aber auch Bürger:innen um eine Lösung ringen, die für alle Beteiligte annehmbar ist.

In den nächsten Sessions wurde der Aushandlungsprozess der digitalen Souveränität im Alltag und in der Bildung sowie in der Hochschule diskutiert.

Mitschiften

Bild 2: Mitschriften von Karin Vosseberg zum Vortrag von Mareike Lisker und Oliver Vettermann.

Jochen Meyer stellte eine KI-gestützte Anwendung vor, die basierend auf einen Human-Centered Design Prozess die Zugänglichkeit öffentlicher Dienste für Bürger:innen verbessern soll – exemplarisch ging es hier um das Beantragen eines Wohnberechtigungsscheins. Die digitale Souveränität für Bürger:innen soll über den Einsatz dieser Anwendung hergestellt werden.

Visualisierung der Daten des Lautstärkesensors

Bild 3: Visualisierung der Daten des Lautstärkesensors von Andy Börner. Sichtbar ist die Mittagspause und die zunehmend angeregte Diskussion am Ende der Veranstaltung.

Ausgehend vom Ansatz des “Privacy by Co-Design” stellte Andy Börner vor, wie Nutzer:innen aktiv an der Entwicklung von Sensor-basierten Smart Home Anwendungen beteiligt werden können. Dabei geht es nicht nur um Beteiligung, sondern auch darum, Menschen zu befähigen, reflektierter mit Senordaten umzugehen. Um den Workshopteilnehmenden seine Forschung näher zu bringen, brachte er einen Lautstärkesensor mit, mit dem er den Workshop begleitete.

Im dritten Teil des Workshops wurde die Bedeutung von Open-Source-Software zur Förderung digitaler Souveränität im Bildungsbereich diskutiert. Karin Vosseberg zeigte in einem anschaulichen Vortrag, wie digitale Souveränität in Hochschulen neue Gestaltungsspielräume für Selbstbestimmung ermöglichen kann – allerdings nur, wenn die Perspektiven der unterschiedlichen Interessengruppen angemessen berücksichtigt werden.

Eine wesentliche Voraussetzung ist dabei, allen Bevölkerungsgruppen, auch den vulnerablen über inklusive Lernplattformen Zugang zu Wissen zu geben. Daniel Stattkus stellte unterschiedliche Anforderungen an die Gestaltung solcher Lernplattformen vor, um damit sicherzustellen, dass digitale Bildungsangebote entsprechend den Bedürfnissen der unterschiedlichen Zielgruppen angepasst werden können.

Eine Realisierung eines solchen Angebots stellten letztlich Andreas Harrer and Gabriele Kunau anhand des SecAware.nrw vor. Dabei handelt es sich um einen innovativen Ansatz zur Vermittlung von Datensicherheit im Rahmen einer Selbstlernakademie.

Der Workshop schloss mit einer Diskussion über die unterschiedlichen Beiträge zur digitalen Souveränität und der Frage, wer letztlich der Souverän im digitalen Zeitalter ist.

In der Diskussion wurde zwar herausgearbeitet, wie wichtig es ist, persönliche Daten zu schützen, Kontrolle über Datenspeicherung zu gewährleisten und digitale Fähigkeiten zu fördern, um eine umfassende Technologiebeherrschung zu ermöglichen. Die Herausforderungen liegen aber auch Seiten von Wirtschaft und Politik, beispielsweise in der Implementierung klarer Strategien und der Transparenz von Software-Diensten. Digitale Souveränität sollte dabei als Weg, nicht aber als ein erreichbares Ziel betrachtet werden.

Was die Frage nach der Handlungsfähigkeit im Angesicht eines vermeintlich nicht zu verändernden Systems angeht, die den Workshop durchzog, so fanden wir eine Antwort aus früheren Zeiten auf dem Gelände der Hochschule Wiesbaden: Auf einer der Toiletten hängt ein noch funktionstüchtiger Aschenbecher – ein Überbleibsel aus einer Zeit, wo überall und immer geraucht wurde. Durch Regulation, Verbote, diskursives Reframing und Gesundheitsbildung wirkt der Aschenbecher jetzt wie ein Relikt aus einer nicht mehr vorstellbaren Zeit. Und ja: Geraucht wird immer noch, aber zumindest sind die Netzwerkeffekte und die Schädigung anderer enorm reduziert worden. Vielleicht ist dies ein passendes Beispiel dafür, dass digitale Souveränität doch mehr sein könnte als eine Leerformel, wenn wir uns den Begriff über einen kreativen Umgang mit seinen Bestandteilen zu eigen machen. Die Zukunft der Souveränität und Autonomie liegt im Willen der Politik, sich dafür auch wirklich einzusetzen.